comp_Rollstuhlaktion April 09 - Vorstadtkrokodile 014a2
Mit dem Rollstuhl durch "Duisburg City"

Ein Projekt der Klasse 6 A zur Lektüre "Die Vorstadtkrokodile"

Im Rahmen einer Unterrichtsreihe im Fach Deutsch, in der ich mit der Klasse 6A der Duisburger Gesamtschule Duisburg Süd das Jugendbuch Vorstadtkrokodile von Max von der Grün behandelte habe, führe ich das Projekt „Wir fahren mit einem Rollstuhl" durchführen.

Die in diesem Jugendbuch erzählte Geschichte handelt von neun Kindern im Alter zwischen 10 und 14 Jahren, deren beschriebene Freizeitaktivitäten in einem von Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Unsicherheit und sozialer Armut gekennzeichneten Arbeiterviertel in Dortmund spielen. Die gut herauszuarbeitenden Parallelen zu den SchülerInnen der Klasse 6a und deren sozialem Umfeld brauchen in diesem Zusammenhang nicht näher erläutert werden. Es sei nur für den weiteren Verlauf dieses Erfahrungsberichts darauf hingewiesen, dass das Freizeitverhalten der beschriebenen Protagonisten durch vielfältige (Bewegungs-) Aktivitäten gekennzeichnet ist.

Im Verlauf der Erzählung lernen die Kinder den seit dem dritten Lebensjahr durch einen Sturz querschnittsgelähmten Kurt kennen, der zwar so alt ist wie sie und auch in ihrer Siedlung wohnt, jedoch jeden Morgen von einem Spezialbus abgeholt und in eine Sonderschule gefahren wird und besonders dadurch keinerlei Kontakte zu anderen Kindern hat. Nach anfänglichen Vorbehalten und Missverständnissen wird Kurt in die Bande der Krokodiler aufgenommen, gewinnt dort durch seine überlegt handelnde Art schnell an Einfluss und ist schon bald ein voll akzeptiertes Mitglied der Bande. Max von der Grün (selbst Vater eines im Rollstuhl sitzenden Sohnes) gelingt es sehr anschaulich, die Lebenswelt behinderter und nicht-behinderter Kinder darzustellen, die alltäglichen Probleme eines Rollstuhlfahrers (Bordsteinkanten, sandige Waldwege, Treppen etc.) zu beschreiben und vielerlei Vorbehalte nicht behinderter Menschen zu benennen.

Ähnlich unüberlegte Bemerkungen („Krüppel") und Vorbehalte konnte ich auch immer mal wieder bei Jugendlichen und SchülerInnen feststellen, was mich veranlasst hat, dieses Thema immer wieder anzusprechen: Mit Fragen und Aufgaben wie „Erzähle von den Problemen der Krokodiler auf ihrem ersten Ausflug mit Kurt", „Wie verhalten sich die Krokodiler gegenüber Kurt?", „Wie verhaltet ihr euch gegenüber Behinderten?", „Warum macht sich Kurts Mutter solche Sorgen?" habe ich immer wieder versucht, die SchülerInnen für diese Problematik zu sensibilisieren. Im Laufe der Unterrichtssequenz war ein deutlicher Zuwachs an Verständnis für die schwierige Situation des Jungen im Rollstuhl festzustellen. Es blieb jedoch eine sehr tiefe Angst vor einer solchen Behinderung und auch eine gewisse Scheu gegenüber diesen Menschen spürbar.

Letztendlich gilt aber - und dies beziehe ich ausdrücklich auf alle Altersstufen und Gesellschaftsschichten - die selbst gemachten Erfahrungen bieten die beste Möglichkeit, die Situation eines Rollstuhlfahrers wirklich beurteilen, empfinden zu können. Dank großzügiger Unterstützung durch das Reha-Team-West können wir Rollstühle ausleihen um die SchülerInnen damit selbstständig Erfahrungen sammeln zu lassen.

comp_Rollstuhlaktion April 09 - Vorstadtkrokodile 0012

Erste "Rollversuche" noch auf dem Schulgelände

 

Projektdurchführung

 

In Form eines kurzen Übungsparcours auf unserem Schulgelände und einer anschließenden Stadtrallye quer durch die Innenstadt/Fußgängerzone Duisburgs sollen die SchülerInnen aus ganz alltäglichen Situationen heraus das Gefühl kennenlernen, in einem Rollstuhl sitzen zu müssen: Kommt man eigentlich in eine Telefonzelle und kommt man an den Hörer? Wie komme ich an das Wechselgeld in der Bäckerei? Warum gucken mich die Leute so komisch an? Wer hilft mir die Treppen hinunter? Werden mir wie Kurt auch die Beine kalt? Diese und ähnliche Fragen galt es weniger zu beantworten als vielmehr zu erfahren.

Die Schüler werden dazu in Dreiergruppen (ein Rollstuhlfahrer und zwei Helfer) in die City geschickt. Dort sollte der Rollstuhlfahrer drei von uns bestimmte Aufgaben erfüllen:

  • Frage in der Stadtinfo nach behinderten gerechten Restaurants
  • Wechsel 5,- Euro in der Stadtsparkasse.
  • Gehe im Forum/City Palais/Kaufhof auf die Toilette (Händewaschen, etc.).
  • Erfrage die nächst mögliche Wache/Polizeistation in der Citywache/Averdunkzentrum.
  • Fahre zum Stadttheater, überquere die Straße, fahre die Rampe am Theater an den Säulen vorbei und wieder zurück zum Forum. (Gefälle/Steigung)
  • Erkundige dich im Hauptbahnhof wann der nächste Zug von Duisburg nach Köln fährt.
  • Find in der Stadtbibliothek heraus wer das Buch
  • Werft euer Altpapier in den Altpapiercontainer.

Der Life Saver Brunnen war unser Treffpunkt.

Bei der Zusammenstellung der Aufgaben habe ich darauf geachtet, dass die Gruppen möglichst gleichmäßig verteilt sind. Damit die Übung möglichst realistisch ist, dürften die Rollstuhlfahrer auf keinen Fall aus dem Rollstuhl aufstehen.

Der Projekttag wurde mit einem gemeinsamen Mittagessen - ab hier ohne Rollstühle -  und dem Besuch im Kino beendet. Dort haben wir uns dann die Neuverfilmung der "Vorstadtkrokodile" angeschaut. Der Film zeigt einige Abweichungen zum Buch, wurde aber von allen mit Begeisterung aufgenommen.

Herr Seemann mit einigen SchülerInnen

comp_Rollstuhlaktion April 09 - Vorstadtkrokodile 0102

 

Reflexion

 

Welches Problem konntet ihr am besten lösen?

Welche Aufgabe war besonders schwer zu lösen?

 

Die Unterrichtsreihe wurde mit einer Reflexion im Rahmen der zwei nachfolgenden Deutschstunden abgeschlossen, in denen wir mit einer sehr konzentriert und interessiert wirkenden Klasse den Projekttag besprochen, Probleme analysiert und Verhaltensformen diskutiert haben.

Für das Reflexionsgespräch haben wir einige Fragen gestellt, die wie folgt von den Kindern beantwortet wurden:

Was hat euch unterwegs die größten Schwierigkeiten bereitet?

Neben dem Öffnen von Türen und dem Lenken des Rollstuhles haben die Kinder das Überwinden von Treppen als größtes Problem benannt. Einige hatten Angst, fallen gelassen zu werden und es nur mit Mühe geschafft, den helfenden Klassenkameraden zu vertrauen. „Ich hatte zwar Angst, aber keiner würde den Rollstuhl absichtlich fallen lassen!"

Welches Problem konntet ihr am besten lösen?

Welche Aufgabe war besonders schwer zu lösen?

Bei der Beantwortung dieser Fragen wurde klar, dass die Aufgaben am besten zu lösen waren, bei denen dem Rollstuhlfahrer geholfen wurde. Z.B. von den Mitarbeitern des Forums bzw. der Firma "Saturn", die tatsächlich einige unserer Rollstuhlkinder samt Rollstuhl eine sehr lange Treppe hinauf und hinunter getragen haben!

comp_Rollstuhlaktion April 09 - Vorstadtkrokodile 0022

Jasmin, Nikoletta und Antonia

 

Schwierigkeiten machten schmale Gänge in verschiedenen Geschäften, Türen und Bordsteinkanten.

Im Gespräch fanden die Schüler heraus, dass Rollstuhlfahrer viel Platz brauchen, der leider nicht in allen Geschäften vorhanden war.

Wie haben die Menschen auf euch reagiert?

Zu dieser Frage konnten wir folgende Aussagen sammeln:

Die haben uns hinterher geschaut.

Die Leute haben und „blöde" angeschaut.

Manche haben uns geholfen; ein Mann hat mich sogar eine Treppe raufgetragen.

Auf Fragen habe ich manchmal keine Antwort bekommen.

Die meisten Menschen waren freundlich und hilfsbereit.

Die Kinder an der Bushaltestelle haben mich ausgelacht.

 

Obwohl die Kinder unterschiedliche Erfahrungen machten, haben alle bestätigt, dass sie als Rollstuhlfahrer merkwürdig angesehen wurden. Beeindruckt waren sie von der Hilfsbereitschaft einiger Menschen im Stadtteil.

Wie habt ihr euch als Rollstuhlfahrer gefühlt?

Obwohl allen Kindern das Rollstuhlfahren selbst Spaß gemacht hat, fühlten sie sich im Kontakt mit fremden Menschen unsicher. Das meiste Unbehagen wurde dabei durch das „Angestarrt werden" und das offensichtliche Wegsehen verursacht.

 

Welche Übereinstimmungen gibt es zwischen euren Erlebnissen und der Geschichte von den Vorstadtkrokodilen?

Die meisten Schüler haben in der Situation nicht an Rollstuhlfahrer Kurt gedacht. Im Unterrichtsgespräch wurden folgende Ähnlichkeiten gefunden:

Es war schwer, über die Straße zu kommen.

Die Leute mussten uns oft helfen, das war sicher auch für Kurt ein komisches Gefühl.

Die Beine wurden kalt

comp_Rollstuhlaktion April 09 - Vorstadtkrokodile 0042

Finn, Jasmin, Nikoletta, Jaqueline, Sina, Noah, Florian und Marie

 

Auswertung:

In dem Augenblick, in dem Gefühle angesprochen und konkrete Lebenserfahrungen gemacht werden, wirkt eine sachliche Auswertung immer etwas fehl am Platz. Dennoch möchten wir auf einige Beobachtungen hinweisen, die wir in der Folgezeit gemacht haben.

Diese - von Max von der Grün geschickt eingesetzten Ereignisse - rufen nun auch besondere Verhaltens- und Denkweisen bei den an dem Projekt „Mit dem Rollstuhl durch Duisburg City" beteiligten SchülerInnen hervor. Sobald eine Textstelle bearbeitet wurde, in der Kurt von seiner Umwelt ungerecht behandelt wird, werden die eigenen Eindrücke der Kinder von diesem Aktionstag neu belebt. Sie erkennen die Probleme eines Rollstuhlfahrers sofort wieder, begreifen aber auch die Hilfsbereitschaft der Kinder und die Geschicklichkeit von Kurt in verschiedenen Situationen. Mit Empörung reagieren die SchülerInnen auf Formen der Diskriminierung oder der Aggression gegen den Rollstuhl fahrenden Buchhelden. Beschreibungen über ablehnendes Verhalten gegenüber dem behinderten Jungen werden als haltlos und unsinnig zurückgewiesen. Die eigenen Eindrücke, sich unwohl und abhängig gefühlt zu haben, führen hier offensichtlich zu starken Reaktionen.

 

comp_Rollstuhlaktion April 09 - Vorstadtkrokodile 014a2

Teilnahmeurkunde des Reha Teams West

Deutlich wird dadurch eins: dieser oben beschriebene Projekttag ist den SchülerInnen der Klasse 6a auch Wochen nach dem Ereignis noch sehr präsent und die während des Erlebens und dem nachträglichen Besprechen empfundenen Gefühle haben sich zu einer positiven Grundhaltung gegenüber speziell Rollstuhlfahrern entwickelt. Eine ausschließlich theoretische (unterrichtstypische) Behandlung dieser Thematik - so wie es Schule in der Regel macht - wäre mit Sicherheit nicht in dieser Intensität in den Köpfen der SchülerInnen haften geblieben.

So bleibt abschließend festzuhalten, dass ein solches Projekt unbedingt empfehlenswert ist, denn gerade bei Kindern in diesem Alter bleiben reale Lernanlässe und konkrete Erlebnisse stärker im Gedächtnis haften und bewirken somit stärker eine Veränderung im sozialen Verhalten des Einzelnen als es viele Stunden Theorie jemals leisten können.